In Erinnerung an Klaus Fussy

Dein Geburtstag am 24.04.2020, lieber Klaus, ist für uns ein willkommener Anlass, um rückblickend Deine Verdienste für unsere Gemeinschaft Sant’Egidio zu würdigen“.
„Freundschaft mit den Armen“ – ein richtungsweisender Grundsatz der Gemeinschaft Sant’Egidio – war sehr bedeutsam für unseren geistlichen Begleiter, Klaus Fussy.
In einer seiner Predigten verdichtet er diesen Leitsatz zu einer sein Leben bestimmenden Devise: “Eigentlich ist Christsein ganz einfach! Aus der Gottesliebe erwächst die Nächstenliebe, aus der Freundschaft mit Jesus die Freundschaft mit den Armen. Sie werden zu Lehrmeistern des Evangeliums.“
Fasziniert von der Idee und dem Wirken der ursprünglich römischen Gemeinschaft Sant’Egidio gründete Klaus 2006 eine Gruppe in der Gemeinde Sankt Johannes Baptist in Bielefeld-Schildesche, in der er als Pfarrer tätig war. Zunächst waren es nur eine Handvoll Menschen, die sich ihm anschlossen. Durch die Teilnahme an den jährlichen internationalen und interreligiösen Friedenstreffen, die von der Gemeinschaft Sant’Egidio organisiert wurden, konnten einige neue Mitglieder gewonnen werden.
Gemeinsam wurden Ideen entwickelt, wie die Gemeinschaft bedürftigen Menschen dienlich sein könnte. Ein monatliches, sonntägliches Mittagsmahl war das erste Projekt, das viel Zustimmung fand und weiterhin stetig durchgeführt wird. Klaus brachte sich dabei mit tätiger Hilfe ein und führte mit den Teilnehmern viele Gespräche.
Ganz wichtig war ihm, dass das tätige Wirken der Gemeinschaft auf dem Fundament des Evangeliums basiert. In den wöchentlichen Abendgebeten hat Klaus uns mit seinen Auslegungen zum aktuellen Evangelium wesentliche und berührende Glaubensanstöße gegeben.
Mit „Herzblut“ initiierte er die monatlichen Friedensandachten, um mit uns für den Frieden in allen bedrohten Ländern zu beten. Weiterhin galt sein Engagement den jährlichen Aktionen gegen die Todesstrafe in wechselnden Kirchen der Stadt.
In Anlehnung an das römische Vorbild hat Klaus mit unserer Gemeinschaft ein Weihnachtsmahl am zweiten Weihnachtstag eingerichtet und organisiert für bedürftige und einsame Menschen. Von den Gästen wird dieses gemeinsame Feiern als Höhepunkt des Jahres empfunden, und die Zahl der Gäste hat sich in den acht Jahren des Bestehens bis heute ständig vermehrt.
Das wöchentliche Frühstück am Montagmorgen im Augustinussaal von Sankt Josef für Obdachlose und einsame Menschen ist eine weitere gemeinsame Initiative. Auch hier entstand eine Tradition. Die Zahl der Gäste vergrößerte sich von Mal zu Mal und entwickelte sich zu einem familiären Miteinander. Von den Teilnehmern wurde seine Anwesenheit sehr geschätzt.
Ungerechte Strukturen in der Gesellschaft nahm Klaus sehr bewusst wahr. Bei dem großen Ansturm von Flüchtenden im Jahr 2015 hat Klaus mit uns gemeinsam täglich über einen längeren Zeitraum Willkommensdienste geleistet wie Fahrdienste vom Bahnhof zur Meldestelle am Stadtholz, ferner bei der Ausgabe von Getränken und Keksen und persönlichen Gesprächen. In den letzten drei Jahren wurden diese Dienste weitergeführt in der Bielefelder Zweigstelle des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge. Obdachlose, Arbeitslose, Süchtige wurden besonders in den Blick genommen. Es entstanden die vierzehntägigen Besuche an bestimmten Treffpunkten der Stadt, wo sich diese Menschen versammeln. Wir versorgen sie mit Broten, Obst und Getränken und führen Gespräche. So entstehen freundschaftliche Beziehungen, die auch Klaus besonders wichtig waren. Von Zeit zu Zeit nahm er interessierte Menschen zu den Brennpunkten mit. Dazu gehörten auch die Firm-Bewerber, die er für die Not der Menschen am Rande der Gesellschaft sensibilisieren wollte.
Verbunden mit dem Aufgabenbereich des Dechants war es Klaus ein Anliegen, die Motivation und die Dienste unserer Gemeinschaft im öffentlichen Bereich, in Kirchenkreisen und in der Gesellschaft bekannt zu machen und Interesse zu wecken.
Klaus fühlte sich sehr hingezogen zum italienischen Leben, er selber sprach italienisch und verbrachte manche Ferientage in diesem Land, aber vor allem verehrte er Franziskus von Assisi. Er schätzte dessen Spiritualität und versuchte sie, in sein Leben zu integrieren. Es war ihm eine große Freude, mit unserer Gemeinschaft das 50. Friedens-Jubiläumstreffen der Weltgemeinschaft von Sant’Egidio in Assisi zu erleben.
Beim geselligen Beisammensein in Italien und häufiger noch beim entspannten Zusammensein nach unseren Andachten in Bielefeld zeigte sich Klaus als „stiller Genießer“ und aufgeschlossen für humorvolle Äußerungen und Gespräche jenseits der kirchlichen oder theologischen Inhalte.
Jährlich haben wir gemeinsam ein „retreat“ während eines Wochenendes im Kloster Dinklage gemacht, um spirituell Kraft zu schöpfen, neue Anregungen für unser geistliches Leben und frische Motivation für unsere Dienste zu gewinnen. Klaus‘ Vorliebe für mönchische Spiritualität und das damit verbundene strukturierte Leben konnte er in Auszeiten in den von ihm bevorzugten Klöstern Dinklage und im belgischen Chevetogne wahrnehmen, um danach gestärkt seine Aufgaben wieder aufzunehmen.
Im Austausch mit ihm war seine ökumenisch offene Haltung erfahrbar und ebenso seine Rückbesinnung auf die theologische Ausrichtung des 2. Vaticanums und der Befreiungstheologie.
Wichtig waren ihm Menschen mit gleicher Sinnesausrichtung, aber auch die Fürsorge für Menschen in Not. In Glaubensfragen und in Notsituationen war er ein verständiger Ratgeber. Seine persönlichen Fragestellungen und Probleme teilte er nur mit wenigen Freunden. Wir mussten traurig und hilflos miterleben, dass er erkrankte und sich zurückzog.
Wir sind ihm sehr dankbar für seine richtungsweisenden Impulse und sein mit uns gelebtes Christsein.
Mit dem Lebensmotto von Papst Franziskus könntest Du, lieber Klaus, Dich auch identifizieren. “Verkündet das Evangelium, und wenn es nötig ist, dann auch mit Worten.“
Marlene Dickmeiß

Persönliche Erinnerungen an Klaus Fussy
Die folgende Episode wird von unserer Tochter aus einem Gespräch mit Klaus Fussy vor der Taufe unserer Enkelin berichtet: Als sie äusserte, dass sie die Taufe möchte, obwohl sie selber nicht gottgläubig sei, hätte sich eine andere Täuflingsmutter mit der Bemerkung eingeschaltet, dass das Kind einer solchen Mutter nicht getauft werden dürfe. Klaus widersprach ihr mit den Worten: „Gott ist für alle da.“
Bei Teegesprächen in unserem Wohnzimmer haben mein Mann und ich mit ihm auch über unsere Zeiten als junge Erwachsene gesprochen. Klaus erzählte von seinem Freisemester in Münster, das er dort verbracht habe, um sich die von ihm geschätzten Theologen Karl Rahner und Johann Baptist Metz anzuhören. Er berichtete auch von seiner Praktikantenzeit als Priesteramtsanwärter im ökumenischen Zentrum in Meschede, wo er sich unter anderem um junge Menschen gekümmert habe.
Als mein Mann und ich einmal eine von uns betreute tamilische Flüchtlingsfamilie In die BAMF begleiteten, trafen wir Klaus, der dort Tee und Kekse verteilte. Wir stellten den Mann dieser Familie Klaus als Hinduistischen Priester vor, worauf dieser ergänzte, er sei aber nur ein „Unterpriester“. Da sagte Klaus „Ich auch“. Diese Aussage hat auch unseren tamilischen Freund sehr beeindruckt.
Wir haben Klaus bei verschiedenen politischen Demonstrationen in der Stadt getroffen, so auch bei den Demos gegen rechts, aber auch bei den Veranstaltungen zur Woche der Brüderlichkeit am Standort der ehemaligen Synagoge und dem Abschluss im Rathaus.
Klaus war die Teilnahme an den jährlichen Friedenstreffen von St. Egidio in verschiedenen europäischen Metropolen sehr wichtig. Er warb für eine Beteiligung, half den Bielefeldern bei der Reiseplanung und sorgte vor Ort für tägliche Zusammentreffen, um sich mit uns über unsere Eindrücke und Erfahrungen vom Tage auszutauschen
Mit den geschilderten eigenen und berichteten Erfahrungen bzw. Episoden möchte ich zeigen, wie ich Klaus als einen toleranten, den Menschen zugewandten und politisch engagierten Menschen erlebt habe.
Elena Schräder (04.05.2020)